Vorwort

Martin Steiner, Chronist einer untergegangenen Welt

Alles bewegt sich in unserer Welt, die Menschen, die Tiere, die Kontinente, die Planeten sowie das gesamte Universum. Etwas bewegt sich, entweder indem es seinen Platz ändert, oder indem es sich oder etwas (ver)ändert. Bewegung ist somit unausweichlich mit Veränderung verbunden. In der Tat ist das Leben des Menschen grundsätzlich durch die vorhandenen Bewegungen und die mit ihnen unweigerlich verknüpften Veränderungen charakterisiert.

Eine solche Veränderung hat vor etwas mehr als 50 Jahren auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Göscheneralp im Kanton Uri auf dramatische Weise erfasst. Wegen des Baus des Stausees haben sie kontinuierlich ab Beginn der Bohr- und Bauarbeiten anfangs der 50er Jahre ihre Häuser verlassen müssen. Der Entschluss zum Bau des Staussees kündigte das Ende ihrer Welt und den folglich notwendigen Exodus an. Mit dem Beginn der Bauarbeiten war ihre Welt plötzlich im Begriff zu verschwinden, um schliesslich von gewaltigen Wassermassen, einer kleinen Sintflut sozusagen, verschluckt zu werden. Dieses Ereignis war für die Bewohnerinnen und Bewohner der Göscheneralp mit dem Verlust des Paradieses vergleichbar. Ihre Auswanderung erfolgte nicht leidenschaftslos. Auf der einen Seite war wegen dem Verlust der eigenen Heimat das Gefühl der Entfremdung sicherlich tief spürbar, auf der anderen Seite war absehbar, dass die Rückkehr ein für allemal unmöglich würde. Heute ist die untergegangene Welt bloss noch nostalgisch zu besichtigen. Die heute noch erhaltenen Photos ihrer Welt sind Dokumente, welche die drastischen Veränderungen ihrer kleinen und scheinbar idyllischen Alpenwelt deutlich aufzeigen, indem sie uns tief in das Leben vor der Bauzeit blicken lassen.

Was aber genau ist ein Photo? Ein Photo zeigt uns die Kristallisation eines Momentes, der vor der Aufnahme und nach der Aufnahme anders war und sein wird, denn – wie gesagt – alles verändert sich. Das, was man auf dem Photo sieht, ist im Moment der Aufnahme so, wie das Bild es reproduziert, jedoch vor und nach der Momentaufnahme war und ist es anders, weil alles sich – mehr oder weniger, schneller oder langsamer – verändert. Die photographierte Realität existiert gleich nach der Aufnahme also nicht mehr so, wie sie auf dem Photo erscheint. Ein Photo ist das Abbild von etwas Vergänglichem, oder genauer das Abbild von etwas, das nicht mehr ist. Ihre wesentliche Funktion besteht demzufolge darin, etwas Vergangenes vor dem Nichts zu retten oder am Licht zu halten. Folglich ist ein Photograph jemand, der etwas vor dem Abgrund oder vor dem Nichts rettet.

Diese Überlegungen gelten auch für die Photos der ehemaligen Einwohnerschaft der Göscheneralp, deren Welt wohl eher zu schnell unterging. Eben “ehemalig“, denn die Welt oder die Wirklichkeit, die wir dank dieses Werks und deren von Martin Steiner mit Liebe gesammelten Photos bewundern können, diese Wirklichkeit, die gibt es nicht mehr. Es bleiben nur die Photos, Abbild vergangener Zeiten. Und wenn die Veränderungen in der Welt in Wahrheit nicht real sind – wie der speziellen Relativitätstheorie zu entnehmen ist? Dann ist ein Photograph sozusagen der Wächter des Erscheinens und des Verschwindens eines ewigen Momentes!

Die Stimmen der Menschen, die hier Zeugnis ablegen, geben den Photos zusätzlich Farbe, Bewegung und Leben. Mit ihren Erzählungen lassen die ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen der Göscheneralp ihre untergegangene Welt wieder an den Tag kommen. Der mit Hilfe von Ton und Bild hervorgerufene Alltag scheint somit weiterhin zu leben.

Vorliegendes Projekt ermöglicht uns mit Hilfe des Buches und der Ausstellungsreihe, eine Wirklichkeit zu sehen, die wir ansonsten in Wirklichkeit nicht sehen. Wir sehen etwas, das verschwunden ist, etwas, das nur noch als Abbild einer vergangenen Welt vorhanden ist. Wir sehen, ohne zu sehen. Und wenn das, was verschwunden ist, doch ist, doch real ist? Wie die Sonne, die nach ihrem so genannten Untergang weiterhin existiert?

DONATO SPERDUTO, Kantonsschullehrer und Autor philosophischer und literarischer BĂĽcher